30  Jahre  Verschwisterung
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30 Jahre Verschwisterung Zollikofen - Neudörfl                                            

Sowohl die "Gesellschaft der Freunde Zollikofens" in Neudörfl als auch unsere Gesellschaft waren der Auffassung, dass die 30 Jahre Verschwisterung Anlass sein sollten für eine gemeinsame Jubiläumsfeier und zwar dort wo die Verschwisterung 1973 urkundlich besiegelt wurde, nämlich in Neudörfl.


Für den Besuch der Schwestergemeinde wurde deshalb vom Vorstand unserer Gesellschaft unter der Leitung der immer sehr aktiven und ideenreichen Präsidentin Erna Zimmermann ein ansprechendes Programm erstellt. Es enthielt neben dem Besuch der Jubiläumsfeier und des gleichzeitig stattfindendenDorffestes auch Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung von Neudörfl sowie genügend freie Zeit für die Auffrischung bestehender und die Anknüpfung neuer Bekanntschaften. Vorgesehen war eine Reise per Car mit Hinfahrt am 4. und Rückfahrt am 10. September. 

Dieses Programm fand sofort Anklang. Bis zur Abreise lagen annähernd 30 Buchungen vor. Mehr als doppelt so viele Personen wollten sich die Gelegenheit zu einem Besuch der Schwestergemeinde auch nicht entgehen lassen, waren aber gezwungen, auf die Carfahrt zu verzichten, weil sie vorzeitig zurückreisen mussten oder lange Carfahrten nicht vertragen. Es waren dies eine Delegation der Gemeindebehörden, das Chörli und einige Einzelreisende. Als Transportmittel wählten sie vorwiegend das
Flugzeug und vereinzelt das private Fahrzeug. Der nachstehende Reisebericht erstreckt sich über die ganze Dauer der Carreise. Aus Platzgründen muss er sich jedoch auf die wichtigsten Höhepunkte und einige grundsätzliche Bemerkungen beschränken.
 
Der bequeme, gut besetzte Car der Berner Firma Kunz verliess Zollikofen am Donnerstag, 4. September um 07.00 Uhr in Richtung Neudörfl. Schon bald bemerkten wir, dass ein ruhiger und zuverlässiger Chauffeur am Steuer sass, der auch gewissenhaft die notwendigen Zwischenhalte einschaltete. Ferner stellten wir fest, dass unter der Leitung von Erna eine hoch qualifizierte "Crew" von Hostessen mitfuhr, die uns laufend mit Tranksame und Häppchen verwöhnte.
 
Um die Mittagszeit konnten wir uns dann in der Nähe von Innsbruck während einer längeren Pause individuell verpflegen. In dieser Zeit erreichte uns Herr Kunz, der Patron des Carunternehmens, um den Chauffeur abzulösen. Von da an war Herr Kunz unser Chauffeur während des ganzen Aufenthaltes in Neudörfl und auf der Heimreise wiederum bis Innsbruck.
 
Die Weiterreise verlief ähnlich wie die Fahrt am Vormittag. Lediglich ein unfreiwilliger Halt wurde uns aufgezwungen als die Polizei unsern Car von der Autobahn weg zu einem ihrer Kontrollposten führte. Dort mussten die Passagiere aussteigen. Die darauf folgende Kontrolle erstreckte sich auf den Chauffeur, den Fahrtenschreiber und den technischen Zustand des Fahrzeuges. Nach einer knappen Stunde konnte dann die Weiterfahrt mit dem Prädikat "alles OK" freigegeben werden.
 
Gegen 21 Uhr erreichten wir Neudörfl. Schon unterwegs war unsere Präsidentin telefonisch ersucht worden, direkt zur Heurigenschenke Waldherr zu fahren. Dort wurden wir von Behördemitgliedern der Schwestergemeinde herzlich empfangen und auch reichlich verpflegt. Die Wahl dieses Treffpunktes hatte symbolischen Charakter:

Als 1971 - am Ende einer Legislaturperiode - unser Gemeinderat auf Anraten des Bürgermeisters der Stadt Wien die aufstrebende Gemeinde Neudörfl besichtigte, kam in der Heurigenschenke Waldherr vor der Verabschiedung der Gedanke auf, die Kontakte mit diesen aufgeschlossenen und sympathischen Menschen weiterzuführen. 1972 kam es dann zu einem Gegenbesuch des Gemeindevorstandes von Neudörfl in Zollikofen und 1973 wurde die Verschwisterung in Neudörfl urkundlich besiegelt.

Nach der Begrüssung und Verpflegung an diesem "geschichtsträchtigen" Ort ging dann der Tag mit dem Zimmerbezug im schönen Hotel Martinihof zu Ende.
 
Die folgenden drei Tage waren weitgehend der Besichtigung der Gemeinde Neudörfl und dem Geschehen in dieser Gemeinde gewidmet. Zunächst war aber am Freitag eine Besichtigung der Burg Forchtenstein angesagt. Diese Burg liegt, von weitem sichtbar, am Hang des Rosaliengebirges. Sie zählt zu den bedeutendsten Burgen Österreichs. Im 14. Jahrhundert erbaut, gelangte sie 1622 in den Besitz der Esterhazy, die auch die Grundherren des Gebietes von Neudörfl waren.
 
Von dem auf dem Rundgang gesehenen sind besonders zu erwähnen die eindrücklichen Rüstungs-, Waffen- und Fahnensammlungen, die wertvollen alten Möbel, Gemälde und Schmuckgegenstände sowie der 142 m tiefe Brunnen, der in den nackten Felsen geschlagen ist. Er wurde angeblich von türkischen Kriegsgefangenen in dreissigjähriger Arbeit fertig gestellt.
 
Am Abend des gleichen Tages wurde im geschmackvoll hergerichteten Saal des Martinihofes mit einem Bankett die Jubiläumsfeier eröffnet. Im offiziellen Teil würdigten Frau Luzia Eitzenberger, Vize-Bürgermeisterin von Neudörfl und die Herren Dieter Posch, Bürgermeister von Neudörfl und Stefan Funk, Gemeindepräsident von Zollikofen die Verschwisterung und ihre Auswirkungen in den verflossenen 30 Jahren. Umrahmt wurde die Feier von Vorträgen des Chörlis und des Männergesangsvereins Neudörfl. Anschliessend konnte zu flotter Musik bis tief in die Nacht das Tanzbein geschwungen werden.
 
Am Samstag stand eine geführte Dorfbesichtigung mit dem Bummelzug und, mangels genügender Kapazität, auch mit unserem Car auf dem Programm. An mehreren Stellen wurde Halt gemacht für Besichtigungen.
 
Allgemein fiel das saubere und gepflegte Dorfbild auf. Aber auch mehrere beachtliche Leistungen der Gemeinde verdienen Erwähnung:
  •  Die freiwillige Feuerwehr mit ihrem modern eingerichteten neuen Feuerwehrhaus. Interessant war dort auch zu vernehmen, dass schon die Kinder spielerisch in die Probleme des Brandschutzes und der Katastrophenhilfe einführt werden um sie frühzeitig zu einem Beitritt zur freiwilligen Feuerwehr im Erwachsenenalter zu motivieren.
  • Die Passage, eine verkehrsfreie Einkaufs- und Flanierzone mitten im Dorf.
  • Der Badsee, ein gepflegtes Erholungsgebiet auf dem in einem gewissen Abstand von den Ufern neben Einwohnern auch Auswärtige Wochenendhäuschen erstellen dürfen.
  • Die Borsvilla, eine von der Gemeinde Neudörfl erworbene Villa, die zu einem gediegenen Begegnungs- und Konferenzzentrum mit mehreren Aufenthaltsräumen und zu einer Vinothek im Kellergeschoss umgebaut wurde.
 
Um 15 Uhr wurde als Wahrzeichen der Dorffestes der "Kirtagbaum" (eine ungefähr 15 m hohe, geschälte Tanne mit geschmückter Krone) auf dem Festgelände aufgestellt. Das war gleichzeitig die Eröffnung des Festes, das auch am Sonntag nach dem Kirchgang bis in die Abendstunden weiterging. Geboten wurden gemäss Festprogramm von 32 unterschiedlichen Gruppierungen der Einwohnerschaft an ebenso vielen Ständen Musik, Gastronomie, Hausgemachtes, Hochprozentiges, Gesundes und Spassiges. Das ging von der "Verkostung" burgenländischer Messweine der "Pfarre" über die Grillhendl bis hin zum Wildschweingulasch der Jagdgesellschaft. Auch die Vorträge unseres Chörlis fanden viel Beachtung und Applaus. Von Anfang an herrschte eine fröhliche Stimmung. Man hatte den Eindruck, ganz Neudörfl sei auf den Beinen. Jeder Stand war ein Treffpunk für Gespräche mit alten und neuen Bekannten Die letzten zwei Tage unseres Aufenthaltes waren dem Besuch der entfernteren Umgebung von Neudörfl gewidmet.
 
Am Montag ging die Reise ins Südburgenland. Als Höhepunkte im Besuch dieser Gegend sind zu erwähnen:
  • Die Besichtigung des Freilichtmuseums Gerersdorf. Gegenwärtig umfasst dieses Museum 30 grosse und kleine Gebäude aus dem Burgenland, von
    denen die ältesten aus dem 18. Jahrhundert stammen. Sie wurden am ursprünglichen Standort abgebaut und im Museum originalgetreu wieder aufgebaut.
  • Der Besuch des Freilicht- und Weinmuseums Moschendorf. Hier hatten wir Gelegenheit Interessantes über den Weinbau zu erfahren und den "Uhudler", ein
    Spezialwein der Gegend, zu kosten.
  • Der Besuch der Burg Lockenhaus hart an der Grenze zu Ungarn. Hier wurden wir von einem Burgfräulein zu einem Rundgang empfangen. Dabei war viel  Interessantes zu sehen und zu hören. Besonders plastisch schilderte es die menschenrechtswidrigen Missetaten in der Folterkammer, die manchem Zuhörer den Appetit verschlugen. Der Hunger kehrte jedoch wieder zurück beim Betreten des eindrücklichen Rittersaales.Hier wurde uns eine schmackhafte Mahlzeit in mittelalterlicher Manier serviert.  Als Werkzeug zur Bewältigung von Speis und Trank standen je ein Teller, ein Messer und ein Becher aus Ton zur Verfügung. Zur Arbeitserleichterung waren aber zusätzlich je zwei Hände gefragt. Ferner standen Tonkrüge auf dem Tisch mit je fünf Dezilitern Wein pro Gast. Je mehr sich diese Krüge während des Banketts leerten, desto höher ging es her im Rittersaal. Ein Minnesänger trug zudem das Seine zur Hebung der Stimmung bei. Auf dem Höhepunkt des Gelages erklärte der Chauffeur, der übrigens nur Mineralwasser trank, dass er am Dienstag zur vorgesehenen Zeit die Arbeit nur aufnehmen dürfe, wenn er spätestens um 00.30 Uhr in Neudörfl eintreffe. Das war das Zeichen zum Aufbruch.
Am letzten Tag unseres Aufenthaltes in Neudörfl stand ein Besuch der Gegend rund um den Neusiedler See auf dem Programm. Auf unserer Fahrt erreichten wir zunächst Mörbisch. Dieser Ort liegt am Neusiedler See hart an der Grenze zu Ungarn. Er wurde bekannt durch seine Festspiele auf der Seebühne. Hier wechselten wir vom Car auf ein Schiff zur Überfahrt nach Illmitz im Seewinkel. Der Chauffeur umfuhr inzwischen den See um in Illmitz wieder zu uns zu stossen. Der Neusiedlersee ist ein Steppensee ohne Ab- fluss und von nur geringer Tiefe. Durch die Trockenheit ist der Seespiegel um 70 cm unter den normalen Wasserstand gesunken. Die Schiffe konnten jedoch gleichwohl verkehren und wir genossen die ruhige Überfahrt. Beim Landesteg von Illmitz erwartete uns eine Kutsche, die uns zum zwei Kilometer im Landesinnern liegenden Dorf brachte. Auf der Fahrt erzählte uns der Kutscher stehend zu uns gewandt viel Interessantes über dieses Gebiet. Die Pferde waren so selbstständig, dass ihnen der Kutscher nur hin und wieder über die Schulter einen Befehl zurufen musste. Die Trockenheit hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. So stand der berühmte Schilfgürtel, den man normalerweise mit Booten durchfahren kann, teilweise auf dem Trockenen. Nach einer Mittagsrast fuhren wir mit dem Car weiter um die Nordspitze des Sees herum nach der Landeshauptstadt Eisenstadt. Aus Zeitgründen reichte es hier nur zu einem kurzen Spaziergang und einer kleinen Zwischenverpflegung. Auf der Rückfahrt nach Neudörfl warteten uns in Grosshöflein zu unserer Überraschung noch Vertreter der Gesellschaft der Freunde Zollikofens mit einer reichhaltigen Jause auf. Gegen Abend erreichten wir dann ausreichend gesättigt Neudörfl, wo es galt, die Koffer für die Heimreise zu packen. Noch etwas schlaftrunken nahmen wir am nächsten Morgen um 6 Uhr unser letztes Frühstück in Neudörfl ein. Danach stellten wir das Gepäck für den Verlad bereit und verabschiedeten uns von all den Freunden, die es sich nicht nehmen liessen, uns vor der Abreise um 7 Uhr nochmals die Hände zu schütteln. Die Rückreise verlief reibungslos auf der gleichen Route und in der gleichen Art wie bezüglich der Hinreise beschrieben. In Zollikofen trafen wir ungefähr um 21 Uhr ein, wo uns, voll gestopft mit schönen Erinnerungen, der Alltag wieder einholte.
 
Zum Schluss noch einige persönliche Bemerkungen:
 
Die Reise war meines Erachtens ein voller Erfolg. Die Reiseleiterin Erna Zimmermann und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hinter den Kulissen verdienen Dank und Anerkennung für die Planung und die Durchführung einer so reichhaltigen und interessanten Reise. Auch den Behörden und der Bevölkerung von Neudörfl ist zu danken für die herzliche Aufnahme unserer Reisegesellschaft und für die teilweise fast überbordende Gastfreundschaft.
  
 
Als Mitgründer der Verschwisterung und auch der Gesellschaft der Freunde Neudörfls war es mir ein Anliegen, wieder einmal aus der Nähe zu sehen, was in den verflossenen 30 Jahren aus unserem Werk geworden ist. Die Grundidee der Verschwisterung war und ist, sich kennen zu lernen und zu respektiern. Dies soll erreicht werden indem ausser den Behörden vorwiegend auch die Jugend und die Vereine zu gegenseitigen Besuchen motiviert werden.Nicht zuletzt dank des aktiven Wirkens unserer Gesellschaft ist der damals ausgebrachte Samen in reichem Masse aufgegangen. Die Verschwisterung lebt nicht nur, sondern sie floriert durch gegenseitige Besuche und andere Kontakte.
 
Mit grosser Freude konnte ich feststellen, dass die Nachfolger der Gründergeneration gute Arbeit geleistet haben.
 
Max Leuthold
 
 
Zollikofen, 26. September 2003
 
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